No. 46  Januar 1999

AKTUALITAETEN

Dachorganisation

Unsere Vereinigung wurde als Mitglied in die Zentrale der Organisationen von Holocaust- Ueberlebenden in Israel angenommen. Dies ist eine 1989 gegruendete Dachorganisation, deren Ziele sind, die Rechte der Holocaust - Ueberlebenden zu wahren, sie in ihren Forderungen gegenueber den Regierungen Deutschlands, Israels und anderer Laender zu unterstuetzen und Sorge zu tragen, dass wenigstens mit steigendem Alter ihre elementaren Beduerfnisse gedeckt werden. Der Vorsitzende der Zentrale ist Moshe Sanbar, vormals Praesident der Bank of Israel,  selbst Holocaust - Ueberlebender.

Schweden und der Holocaust

Aus Initiative des Premiers Goran Parsson wurde in Schweden ein Informationszentrum ueber den Holocaust “The Living History Project” gegruendet. 1998 wurde von diesem eine Reihe von Veranstaltungen abgehalten, darunter eine Gedenkfeier im schwedischen Parlament am 27. Januar (Tag der Befreiung von Auschwitz), eine Internet site  “Counterweight to Dark Forces” (“Gegengewicht gegen die Kraefte der Dunkelheit”) und uebernahm die Finanzierung der Computerisierung der Auschwitz-Kartei. Es wurde auch eine illustrierte Broschuere “Erzaehle es deinen Kindern” ueber die Geschichte des Holocaust herausgegeben, welche vor Allem  fuer Schueler und deren Eltern bestimmt ist. Sie enthaelt einen Abschnitt ueber Ghetto Terezin und wurde bisher in 820.000 Exemplaren  gedruckt - in schwedischer und englischer Sprache und in den 5 Hauptsprachen der Fremdarbeiter in Schweden, darunter auch arabisch und tuerkisch.

Auf den Spuren Karl Schwenk’s

“L’chajej Hachajim” (“Es lebe das Leben”) nannte Kobi Luria, der die Texte schrieb, eine Vorstellung die auf Kabarettchansons aus Theresienstadt basiert. Sie wurde am 6.10.1998 beim Theaterfestival in Akko  erstaufgefuehrt. Die Vorstellung, die aus Liedern und gespielten Szenen, inszeniert von Israel Gurion unter der musikalischen Leitung von Chana Cohen, zusammengestellt ist, veranschaulicht eine der Charakteristiken des Ghettos, wie dies auch Karl Schwenk ausdrueckte, der eine zentrale Persoenlichkeit unter den theresienstaedter Kabarettkuenstlern war: ueber die bittere Wirklichkeit ringsumher laecheln koennen - wenn auch nur aus Ironie. Die Kritik lobte das hohe Niveau der Auffuehrung und das professionelle Spiel der Schauspieler - Tal Amir, Israel Treistmann und Lilach Kaspi. Die Auffuehrung wurde von den Schiedsrichtern lobend erwaehnt. Ab Januar 1999 werden weitere Auffuehrungen im “Tsavta”-Saal in Tel Aviv stattfinden. Vielleicht wird der Humor dazu beitragen, die in der Freiheit geborene Generation der dunklen Vergangenheit naeher zu bringen.

Theater in der Vorburg

“Leb wohl, Schmetterling” nannte die schweizer Regisseurin Dominique Caillat eine Vorstellung ueber das Leben der Jugend im Ghetto Theresienstadt, welche sie mit einer Gruppe von Mittelschuelern im “Theater an der Vorburg” in Burg Namedy, Andernach, in Deutschland inszenierte. Nach Vorfuehrungen in Deutschland, Terezin und Prag kamen die jungen Schauspieler im Oktober 1998 nach Israel und spielten (deutsch) in Tel Aviv, Jerusalem und Kibbuz Hazorea, mit Unterstuetzung der Stadtverwaltung Tel Aviv und der Konrad Adenauer Stiftung, unter der Schirmherrschaft der Organisation der mitteleuropaeischen Einwanderer und Beit Terezin. Im Mittelpunkt des Stueckes ist eine juedische Familie aus dem Sudetenland,
 die nach Theresienstadt deportiert wird und der Liebesroman eines jungen Juden mit einem deutschen Maedchen, die mit ihm ins Ghetto geht. Einige im Ghetto verfasste Lieder und Chansons beleben die Vorfuehrung. Das - meist deutschsprachige - Publikum reagierte emotionell nicht nur auf das Stueck selbst, sondern auch auf die Gegenueberstellung mit jungen Deutschen, die sich dem Holocaust-Thema stellen.

Musik aus dem Ghetto

60 Jahre nach der “Kristallnacht” wurde am 9. November 1998 von der Hochschule fuer Musik und Theater in Hamburg gemeinsam mit der “Initiative Hans Krasa” ein Gedenkabend veranstaltet. Es wurden - im Ghetto verfasste - Klaviersonaten von Gideon Klein und Viktor Ullmann gespielt. Der Senat der Freistadt Hamburg beteiligt sich an der Finanzierung der Herausgabe einer Broschuere ueber das musikalische Schaffen in Ghetto Theresienstadt und nahm auch auf sich - zusammen mit dem deutsch-tschechischen “ZukunftsFonds” und Spendern der “Initiative Hans Krasa” - eine Reihe von Vorfuehrungen anlaesslich der Geburtstage von Hans Krasa, Pavel Haas und Viktor Ullmann zu finanzieren. Sie werden im November 1999 in Dresden, Hamburg und Prag stattfinden.

Jugendliebe

Michal Bar (Maud Steckelmacher) ist die Zentralfigur des Filmes “Nipagesh” (“Auf Wiedersehen”), welcher am 28.August 1998 in der Cinemathek Tel Aviv im Rahmen eines Festivals dokumentarischer Filme erstaufgefuehrt wurde. Im Film - Drehbuch: Lena Makarova, Regisseur: Simion Vinoker - erzaehlt Michal ueber ihre erste Liebe in ihrer Heimatsstadt Prostejov (Prossnitz) und im Ghetto Theresienstadt im Alter von 13 Jahren. Der 24jaehrige Student Hermann musste seine Studien abbrechen. Bevor er aus Terezin “nach dem Osten” deportiert wurde, gab er Michal eine Berliner Adresse, ueber welche sie nach dem Krieg wieder Kontakt aufnehmen koennten. Hermann kehrte nicht zurueck und Michal - jetzt eine 69jaehrige Grossmutter - blieb mit den Andenken: 12 nun schon vergilbte Briefe, die ihr Hermann in Theresienstadt schrieb und einige kleine Geschenke von ihm. Am Jom Kippur - Abend, dem 30. September 1998, wurde der Film von der isr. Television ausgestrahlt.

Terezin statt Florenz

Am 17.November 1998 brachte die isr. Television im Rahmen der Serie “Wahre Geschichte” ein Programm des britischen Fernsehens ueber den Raub von Kunstschaetzen und antikem Silber der hollaendischen Bankierfamilie Gutmann. Einige der Kunstwerke, darunter Bilder von Degas und Renoir, sandte Fritz Gutmann zu Beginn des zweiten Weltkrieges aus Holland nach Frankreich, wo sie nach der deutschen Besetzung in die Haende der Nazis fielen. Diese brachten sie in die Schweiz, wo viele von den Nazis geraubte Kunstschaetze landeten. Nach der Besetzung Hollands wollten die Nazis die kostbare Sammlung von Renaissance-Silber beschlagnahmen und versprachen dafuer Fritz Gutmann (dessen Vater sich Ende des 19ten Jahrhunderts taufen liess) freies Geleit nach Italien. Jedoch statt nach Florenz wurde F. Gutmann und seine Frau im April 1943 ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort arbeitete der Bankier bei der Kohleverteilung und seine Frau im Hilfsdienst und beide sprachen aus Prinzip nicht Deutsch. Zweimal wurde Gutmann zur deutschen Kommandantur befohlen, um den Verzicht auf seine Sammlung zu unterschreiben, doch er weigerte sich. Nach Einmischung des italienischen Aussenministers, der Mussolinis Schwiegersohn war, wurde den Gutmanns mitgeteilt, dass sie Theresienstadt verlassen und nach Italien reisen duerften. Am Tage ihrer Abreise wurde F.Gutmann in die “Kleine Festung”, das theresienstaedter Gestapo-Gefaengnis gebracht und dort ermordet. Seine Frau wurde nach Auschwitz verschickt.

“Brundibar” heute

Nichtjuedische Schueler, meist Kinder von Einwanderern aus aller Herren Laender, in der Queen Victoria Public School in Parkdale, Toronto, lernten an Hand von Hofmeisters und Krasas Kinderoper “Brundibar”, die im Ghetto Terezin 55 Mal aufgefuehrt wurde, ueber den Holocaust. Die Lektion half ihnen, mit aktuellen Problemen von Rassenhass fertig zu werden. “Brundibar” wird in Schulen in Toronto seit 1996 aufgefuehrt. Die Initiative ging von der Erzieherin Helena Fine aus, mit Beihilfe von John Freund, einer der Jungen die Birkenau ueberlebten. Er erklaerte den Schuelern, die etwa 50 verschiedene Sprachen sprechen, wie es war, ein juedisches Kind im Holocaust zu sein.

Ghettokunst

Zu der Ausstellung ueber das Musikleben im Ghetto in der vormaligen Magdeburger Kaserne, die teilweise dem Tereziner Museum dient, kam 1998 eine ausfuehrliche Ausstellung ueber das Kunstleben im Ghetto hinzu. Es sind dort mehr als tausend Werke von ueber 40 Kuenstlern, groesstenteils aus den Sammlungen des “Pamatnik Terezin”, des Juedischen Museums in Prag und aus Thomas Haas-Fritta’s privater Sammlung. Ausser beruehmten Kuenstlern wie Haas, Fritta, Unger, Kien und Salkova sind dort auch weniger bekannte Kuenstler und Amateure, weil auch deren Werke haeufig einen besonderen Blickwinkel des Ghettolebens zeigen. Die typischen Motive kehren immer wieder: Begraebnis-Kutschen als Transportmittel, Blinde, Alte, Eisenbahnschienen, der Stadtplatz, Transporte, Ausblick von den Schanzen. Die Ausstellung befindet sich in den Raeumen, in welchen seinerzeit die technische Abteilung war, wo einige der hervorragenden theresienstaedter Maler arbeiteten und im Geheimen malten, was ihre Augen rundherum sahen.

Das Leben eines Maedchens

Im Februar 1945 begannen etwa 1000 Frauenhaeftlinge den Todesmarsch aus Gross Rosen, den nur wenige ueberlebten. Die 14jaehrige Eva Loewidt (jetzt Erben) fluechtete unterwegs mit ihren letzten Kraeften. Sie wurde von der Familie Jahn im Dorf Postrekov im Boehmerwald aufgenommen, welche ihr Asyl gab und sich bis zum Kriegsende um sie kuemmerte. Der tschechische Regisseur Pavel Stingl bereitet nun einen Dokumentarfilm ueber Evas Leben vor, gegruendet auf ihrem autobiographischen Buch ”Mich hat man vergessen” (Belz Verlag, Mannheim 1997). Im Juli 1998 wurden in Eva Erbens Gegenwart die Szenen in Postrekov unter Beteiligung der Dorfbewohner gefilmt, unter diesen auch “Tante” Jahnova.
Zur Eroeffnung einer Ausstellung anlaesslich des 60sten Jahrestages der “Kristallnacht” am 16.November 1998 in der Zentralbibliothek von Hasfurt am Main lud die Bibliotheksdirektorin Kordula Kappner Eva Erben ein. Sie wollte so durch ein einziges Schicksal das Los der Millionen Juden im Holocaust veranschaulichen. Waehrend ihres Aufenthaltes in Deutschland traf Eva Erben Jugendliche - fuer viele von ihnen war dies ihr erstes Treffen mit einem Holocaust-Ueberlebenden. Eva las aus ihrem Buche vor und beantwortete viele Fragen.
 
Preis an Professor Kulka

Am 9. Dezember 1998 wurde dem Historiker Prof. Dov Kulka von “Yad Vashem” der Jaakov Buchmann Preis fuer den ersten Band seiner Studie “Deutsches Judentum unter dem Nationalsozialismus - Dokumente zur Geschichte der Reichsvertretung der deutschen Juden 1933-1939” erteilt. Professor Kulka wurde vom Ghetto Theresienstadt ins Birkenauer Familienlager deportiert und war dort einer der Jungen im Kinderblock.  Den gleichen Preis erhielt auch Aaron Appelfeld fuer sein Buch “Michre Kerach” (Eisgrube).
Die Publikation der juedischen Gemeinden in Tschechien “Ros Chodes” brachte im November 1998 eine Nachricht ueber die Enthuellung einer Gedenktafel fuer die Juden der Stadt Vsetin und Umgebung, die im Holocaust umkamen. Der Initiator der Gedenktafel war der dort gebuertige Holocaust-Historiker Erich Kulka, der in seinem Testament dieses Projekt bedachte und sein Sohn Prof. D. Kulka, Jerusalem, der an der feierlichen Zeremonie am 23. Oktober 1998 teilnahm. Heute leben in Vsetin keine Juden.

“Kamarad”

Im Rahmen eines interdisziplinaeren workshops der Bar Ilan Universitaet hielt Ruth Bondy am 8.Dezember 1998 einen Vortrag ueber die Kinderzeitung “Kamarad” und die anderen Kinderzeitungen im Ghetto Theresienstadt, anlaesslich der Publikation des Buches “Kar’u lo chaver” ueber “Kamarad”, welches sie uebersetzte und redigierte. Die Herausgabe erfolgte durch “Yad Vashem” und Beit Theresienstadt. Der Leiter des Institutes fuer Holocaust Forschung der Uni Bar Ilan Dan Michman eroeffnete die Tagung. Laut Ruth Bondy sind viele der Fragen, die in der Kinderzeitung aufgeworfen wurden - wie Erziehung zu Werten und Naechstenhilfe - auch heute aktuell.
“Kamarad” wurde im Kinderheim Q-609 geschrieben, welches weniger bekannt ist als die zentraleren Kinderheime in der L-4 Strasse des Ghettos. Unter dem fotokopierten Material, welches die Leiterin von Beit Terezin Anita Tarsi von ihrem Besuch in der Gedenkstaette Terezin brachte, ist auch die Kopie eines kleinen Heftes. Auf dem Titelblatt stehen die Buchstaben K J und das Datum 19.4.44, auf der letzten Seite steht deutsch: “Die Kinder von Q-609 gratulieren herzlichst”. Es geht wahrscheinlich um ein Geschenk zum Geburtstag des Heimleiters oder einer der Instruktoren. Das Heftchen enthaelt Gedichte, Zeichnungen und Artikel aus dem Heimleben, in welchen Franta der Kritiker, Tante Anni, die Englischlehrerin Timchen und der Arzt Dr. Schmeidler erwaehnt sind. Kennt einer unserer Leser vielleicht die Identitaet von K J ?

Zwischen London und Kolin

Die Verbindung zwischen der Londoner Dozentin fuer Buehnenkunst und Regisseurin Judi Herman und der tschechischen Stadt Kolin entstand durch eines der fast 1500 herrenlosen Thorarollen in Prag, welche durch englische Juden 1964 von den kommunistischen Machthabern ausgeloest wurden und dann von London aus an juedische Gemeinden in der ganzen Welt verteilt wurden. Eine Koliner Thorarolle wurde der Northswood and Pinner Liberal Synagogue (Londoner Vorstadt) uebergeben. Unter dem Eindruck eines Besuches am alten juedischen Friedhof in Kolin schrieb Judi Herman “Stones of Kolin - a Bohemian Jewish Rhapsody”, eine Auffuehrung, die ueber 600 Jahre juedischen Lebens am Orte erzaehlt. In 100 Minuten erscheinen auf der Buehne viele Charakter, darunter Kaiser Franz Josef, Kafkas Schwester, Rabbiner von Kolin aus verschiedenen Epochen und vor Allem der letzte Rabbiner der Stadt Richard Feder. Die Erstauffuehrung war im September 1998 in “Sadler’s Wells” in London.

Wintons Kinder

Im Maerz 1998 besuchte Prag als Gast des Juedischen Museums Sir Nicolas Winton, welcher, vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges eine Hauptrolle bei der Auswanderung von 664 meist juedischen Kindern aus der Tschechoslowakei nach England spielte. Unter “Wintons Kindern”, die ihn dort trafen, war auch Vera Gissing aus England, Autorin des Buches “Perlen der Kindheit” (Robson Books, London 1988), in welchem sie ueber den Abschied von den Eltern und das Einleben in einem englischen Internat erzaehlt. Sie behandelt auch die Konflikte der Kinder bei Kriegsende, als die meisten erfuhren, dass ihre Eltern im Holocaust umgekommen waren - in die Tschechoslowakei zurueckkehren, oder nicht? Beit Theresienstadt erhielt nun ein Exemplar des Buches.

 IM  BEIT  THERESIENSTADT
Besucher

In Folge neuer Verbindungen, die wir mit weiteren Abteilungen des isr. Erziehungsministeriums anknuepften, besuchten uns der Oberinspektor fuer Geschichtsunterricht Herr Michael Yaron, die Abteilungsleiterin fuer Kunst im religioesen Erziehungswesen Frau Nira Kramer, die Leiterin der Abteilung  fuer Holocaust-Unterricht Frau Lawrence Rosengarth und der Vertreter der Paedagogikabteilung Herr Chagai Yehudai, der auch fuer Erziehungsvereinigungen und Internatssysteme verantwortlich ist. Wir hoffen, dass diese Besuche zur Erweiterung und Vertiefung der Zusammenarbeit von Beit Terezin mit dem Erziehungsministerium beitragen wird.
Im November 1998 besuchten uns die Historiker Miroslav Karny und Michal Frankl vom Fonds Terezinska iniciativa in Prag, die sich mit Vorbereitungen fuer ein Gedenkbuch der aus Deutschland stammenden Haeftlinge von Ghetto Theresienstadt befassen. Der Hauptgrund des Besuches war, vor Druck des Buches die in ihren Haenden befindliche Information zu ergaenzen. Zusammen mit dem Team von Beit Terezin wurden viele wichtige Fragen eroertert, zu beiderseitigem Nutzen.

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Durch e-mail erhalten wir Anfragen aus der ganzen Welt ueber Verwandte, die im Ghetto Terezin waren. Meistens koennen wir diese mit Hilfe unserer Computer-Datei beantworten, in Sonderfaellen wandten wir uns an Institutionen in Tschechien, Deutschland und Oesterreich und haben von allen taetigen Beistand erhalten.
Das Team in Beit Terezin und vor Allem Alisah Schiller, die dieses Projekt leitet, fahren fort die Datei an Hand von Material, das uns von verschiedenen Archiven auf der ganzen Welt eingeht, zu korrigieren und zu ergaenzen. So koennen wir manchmal die letzte Adresse vor der Deportation, den Maedchennamen einer Frau und andere fehlende Daten hinzufuegen. Demnaechst versenden wir an unsere Mitglieder - ehemalige tereziner Haeftlinge - einen besonderen Fragebogen mit dem Ziel, moeglichst viel zusaetzliche Information zu sammeln.

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Am 16.Dezember 1998 (viertes Chanukkahlicht) wurde im Edelstein-Saal im Beit Terezin ein Abend zu Ehren der Freiwilligen unter unseren Mitgliedern und der in unserem Erziehungswerk Taetigen in Anwesenheit von vielen unserer Mitglieder aller Generationen abgehalten. Nach dem Lichterzuenden durch ein “Theresienstaedter Kind”, Zvi Cohen, Lieder-Singen mit Harmonikabegleitung von Schmuel (Jirka) Bloch begruessten unser Vorsitzender M. Livni, die Leiterin von Beit Terezin Anita Tarsi und Schosch Sade im Namen der zweiten Generation die Versammelten.
Danach sprach die Kunstlehrerin Chava Groag-Linden zum Thema “Tage der Hoffnung und der Verzweiflung - Besuche in KZ’s durch Kunst veranschaulicht”, ihre Doktorarbeit am Lesley-College in Boston. Die Idee ist, Schueler dem Thema Ghetto Theresienstadt durch verschiedene Wege des kuenstlerischen Ausdrucks naeher zu bringen. Die Arbeit war eigentlich der Versuch Chavas - die im Ghetto Terezin geboren wurde - mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden, welche sie durch viele Jahre hindurch unterdrueckte.
Chana Drori erzaehlte ueber die Vorbereitung eines Buches mit Memoiren (tschechisch und deutsch) der “Maedeln” des Zimmers 28 im Heim L-410 im Ghetto, zusammen mit ihren Kameradinnen (jetzt um die 70 Jahre alt), die ueberlebten und ueber die ganze Welt verstreut sind.
Chana Weingarten, selbst Zeitzeugin, referierte ueber ihre Reise nach Terezin und Auschwitz als Begleiterin einer israelischen  Jugendgruppe.
Zum Abschluss erhielten die Freiwilligen je ein Exemplar des Buches “Tommy” vom Maler Fritta, das dieser seinem 3jaehrigen Soehnchen im Ghetto zeichnete. (Siehe Naeheres bei Buchbesprechungen)
 
Neue Mitglieder

29 neue Mitglieder sind im verflossenen Jahr unserer Vereinigung beigetreten - 16 Israelis (davon 5 der ersten Generation, 9 der zweiten und 2 ohne Familienverbindung mit vormaligen Ghettoinsassen). Die uebrigen 13 leben in USA, England, Australien und Brasilien. (Von diesen: 6 der ersten Generation, 3 der zweiten und 4 ohne Familienverbindung im Ghetto).

Besuch in Terezin

Anlaesslich des Besuches von Anita Tarsi in Terezin wurde die Verbindung zwischen “Pamatnik Terezin” und Beit Terezin vertieft. Es wurden Moeglichkeiten der Jugenderziehung und gemeinsamer Gedenk - Projekte besprochen, unter Anderem auch die Idee eines gemeinsamen israelisch-tschechischen Seminars der zweiten Generation. Wir hoffen diese Zusammenarbeit fortzusetzen.

Ausstellung in Lyon

Das “Centre d’Histoire de la Resistance et de la Deportation” in Lyon befasst sich mit Erziehungsarbeit und  Ausstellungen zum Thema Holocaust und der Widerstandsbewegung in Frankreich und in Europa. Am 27.11.1998 wurde eine Ausstellung ueber das Kunstschaffen im Ghetto Theresienstadt eroeffnet. Unter Anderen sind dort auch 9 Originalexponate und viele fotografische Kopien von Bildern und Dokumenten aus unserer Sammlung. Anlaesslich der Ausstellung wurde vom “Centre” in Lyon ein Buch mit Artikeln ueber die Geschichte des Ghettos herausgegeben.

Edelstein - Saal wird zum Ausstellungsraum

Nach Erhalt der endgueltigen Plaene der Architektinnen N. Bar-On und I. Shlomi und der Ausschreibung an Bauunternehmer sind wir nun im Begriff die Firma zu bestimmen, welche die Arbeit ausfuehren wird.  Wir hoffen, damit noch im Januar zu beginnen und in etwa 2 Monaten zu beendigen.
Wir haben noch nicht alle noetigen Mittel beisammen, um das Projekt fertigstellen zu koennen.
Wir waeren unseren Mitgliedern und Freunden, die fuer diesen Zweck noch nichts gespendet haben oder solchen, die die Moeglichkeit haben und bereit sind, eine weitere Summe beizusteuern, dankbar, wenn sie dieses Projekt unterstuetzen wuerden.

 Schwerin und Theresienstadt

Im Rahmen des Projektes “Dialog der Generationen” wurde am 19. Oktober 1998 im Gedenkraum von Beit Terezin ein Konzert gegeben. Es gab “Kol Nidre” (Cello und Klavier) von Max Brod, welches im Ghetto gespielt wurde und ein im Ghetto geschriebenes Fragment aus der 5. Sonate von Viktor Ullmann.
Es spielten Studenten des Johann Wilhelm Hartl Konservatoriums und ihre Lehrer aus Schwerin, dirigiert vom Direktor des Konservatoriums Herrn Volker Ahmels, dem Initiator dieses Projektes.

Der Praesident des Landtages Mecklenburg - Vorpommern Rainer Prachtl initiierte anlaesslich des Holocaust - Gedenktages in Deutschland am 27.1.1998 eine Veranstaltung in der Schweriner Burg, deren Mittelpunkt Ghetto Theresienstadt und dessen Opfer waren. Der Schriftsteller Jiri Grusa, damals Botschafter der tschechischen Republik in Deutschland, sprach  ueber die Bedeutung Terezins in seinem Land und Dr. Ingo Schulz hielt einen Vortrag ueber Propaganda-Projekte der SS im KZ Theresienstadt. Ferner gab es ein Konzert von Schuelern des Schweriner Konservatoriums mit Werken von Ullmann und Krasa aus Theresienstadt dirigiert von Volker Ahmels.
Zum Abschluss des Abends wurde unter den Gaesten eine Sammlung zu Gunsten von Beit Theresienstadt durchgefuehrt. Der Ertrag - DM 1000.-  wurde der Leitung von Beit Theresienstadt vom deutschen Botschafter in Israel Herrn Theodor Wallau und vom Kulturattache der Botschaft Herrn Ronald Muench anlaesslich eines Besuches am 27.7.1998 uebergeben. Ferner erhielten wir “In braunen Feuern brennen weisse Tauben”, ein Buch mit Gedichten und Prosa von Rainer Prachtl, welches 1995 erschien. In dessen Mittelpunkt ist die Suehnereise von Buergern Mecklenburg -Vorpommerns nach Auschwitz und Ravensbrueck. Wie Rainer Prachtl in einem Brief an Beit Terezin schreibt, muss die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen jener Tage ein Muss im heutigen Leben in Deutschland sein, um eine Wiederholung solcher Verbrechen zu verhindern.

ZWEITE  GENERATION  -  JAHRESBILANZ  1998

Die Gruppe der Nachfolgegeneration bemueht sich sehr, ihren Weg trotz der internen Meinungsverschiedenheiten fortzusetzen. Die manchmal von Mitgliedern der Gruender-Generation ausgedrueckten Zweifel ueber unser Gefuehl der Verpflichtung Beit Terezin gegenueber und ueber unsere Faehigkeit, die erforderlichen Aufgaben zu erfuellen, hat einen Teil der jungen Mitglieder zu einem Knotenpunkt gefuehrt. Es gibt Erwaegungen ob es richtiger sei, dass die zweite Generation ihre Taetigkeiten in die der ersten Generation einbaut - oder andere Aktivitaetsgebiete waehlt.
Auf jeden Fall hoffen wir, dass alle Mitglieder der juengeren Generation auch weiterhin zur Existenz unserer Vereinigung beitragen werden. Wir wenden uns auch an die aelteren Mitglieder mit der Aufforderung, sich des Unterschiedes zwischen den Generationen bewusst zu sein - wir alle haben gemeinsam die Verantwortung, die Pflicht und die Faehigkeiten ihn zu ueberbruecken.
Wie schon frueher, erwaegen wir auch nun wie wir neue Mitglieder in unsere Reihen bringen koennten, damit “die Flamme nicht erloescht”. Die Stunde scheint gekommen zu sein, da jeder Einzelne aus der Gruendergeneration sich an seine Kinder und Enkel wendet und sie zum Beitritt in unsere Vereinigung interessiert, jeder in dem ihm passenden Mass von Beteiligung. In dieser Richtung haben wir uns telefonisch an alle “Kinder” der Mitglieder gewandt und hoffen, dass wir so halfen die Botschaft zu verbreiten, dass die Vereinigung Koerper und Seele hat - und nicht nur geschriebene Worte, die im Newsletter gesandt werden...
Im kommenden Jahr wird sich unsere Taetigkeit um das Kunstschaffen im Ghetto Theresienstadt bewegen. In diesem Sinn hatten wir am 31.Oktober 1998 ein interessantes Treffen mit Kobi Luria. Er liess uns am Prozess der Entstehung der Kabarettauffuehrung “L’chajej Hachajim” (Es lebe das Leben) teilhaben. Ein “Sabre” (in Israel geboren), von Eltern die nicht im Holocaust waren, sammelte er das dramatische Material ueber das Ghetto.
Am 26.Dezember 1998 war ein weiteres Treffen der Nachfolgegeneration mit einem Vortrag von Tally Yaron ueber das Musikschaffen im Ghetto Terezin.
Zu Beginn von 1999 will ich meine Hoffnung ausdruecken, dass alle unsere Mitglieder der zweiten Generation ihren Weg zu aktiver Beteiligung finden. Hoffentlich koennen wir, zusammen mit den Gruendern, den richtigen Geist und die richtigen Gefuehle aufbringen, die Differenzen zu ueberkommen und dieses uns allen wertvolle Unternehmen  “Beit Theresienstadt” gemeinsam weiterzufuehren.
(Narda Kuczinski)

UNSER  ERZIEHUNGSZENTRUM

Studientage und Unterweisung von Schuelern

In 1998 haben wir 120 Studientage ueber Themen, die mit Ghetto Theresienstadt verbunden sind, abgehalten. Es beteiligten sich Mittelschueler, Lehrergruppen und andere aus Israel und aus dem Ausland, zusammen etwa 4800 Teilnehmer.
Das Team von Beit Theresienstadt dankt allen unseren Mitgliedern, die an den Studientagen mit arbeiteten und so - vor Allem die Jugend - an ihrem persoenlichen Erlebnis teilnehmen lassen, mit Hingabe und viel Aufwand seelischer Kraefte.
25 Schueler und Studenten erhielten 1998 bei uns Unterweisung und Hilfe bei Abschluss-und Forschungsarbeiten ueber das Ghetto.

Besondere Studientage

Anfangs September 1998 war im Beit Theresienstadt ein Studientag  fuer das Unterrichts-Team des “Beit Lochamei Hagetaot”. Er enthielt eine Diskussion ueber die Stellung von Ghetto Terezin im israelischen Holocaust - Gedenken und ueber die damit verbundene Problematik. Es wurde die unrichtige Auffassung des Ghettos Theresienstadt als “Musterghetto” behandelt und die verschiedenen Deutungen die diesem Begriff von Historikern und Medien beigemessen wurden. Ein Polylog ueber die Existenzbedingungen im Ghetto zu verschiedenen Zeiten, die Aussage eines Zeitzeugen und Untersuchung von Originaldokumenten ermoeglichten neue Erkenntnisse. In naechster Zukunft wird ein Gegenbesuch stattfinden.

“In Theresienstadt sein” - Computer-Datei ueber Ghetto Terezin

In diesen Tagen unterweisen wir Gruppen von Geschichtslehrerinnen (neunte Klasse) aus 9 isr. Schulen, die am Geschichtsunterricht mit Hilfe moderner Technologie interessiert sind. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem “Zentrum fuer Erziehungstechnologie”. Unter Anderem wurde dabei “Internet” eingespannt - die Lehrerinnen verbanden sich mit der computerisierten site und wurden dazu vom Unterrichtsteam des Beit Terezin “on-line” instruiert. Dies ist ein Modell geplanter Aktivitaeten von Mittelschuelern, die sich - von Lehrern und dem Team von Beit Terezin unterwiesen - an einem Lehrplan vis a vis  dem Computer, ueber ein Netz, beteiligen. Das Projekt soll etwa 3 Monate dauern und zum Abschluss werden die Teilnehmer Arbeiten vorlegen.
Die Adresse: www.cet.ac.il/history/terezin
Wir laden ein, die site zu besuchen und an den “Gespraechen” der Diskussionsgruppen teilzunehmen.

Reisefuehrer fuer Ghetto Theresienstadt

Vor der Publikation dieses Buechleins - welches wir zusammen mit der Jugendabteilung des isr. Erziehungsministeriums herausgeben - gab es “Probeanwendungen” anlaesslich einer Exkursion von Instruktoren im ehemaligen Ghetto. Davor gab es Studientage, um die Instruktoren mit dem Reisefuehrer vertraut zu machen. Diese begannen wie alle Studientage: Vortrag ueber die Geschichte des Ghettos, der Film “Theresienstadt 1941 - 1945”, Diskussion ueber den Alltag im Ghetto und eine Zeugenaussage. Der zweite Teil des Tages war dann ganz dem Reisefuehrer und seiner Anwendung bei einer Exkursion gewidmet.
Anfangs September 1998 fuehrte Chana Drori, Mitglied unserer Vereinigung, die auch Teile des Reisefuehrers schrieb, eine Gruppe. Im Oktober wurde ein zweiter Versuch mit 2 Jugendgruppen aus Israel durchgefuehrt, die vom isr. Erziehungsministerium organisiert wurden. Mit den Instruktoren fuhren auch Yael Bernholz von der Jugendabteilung des isr. Erziehungsministeriums und die Leiterin von Beit Terezin Anita Tarsi. Sie waren 4 Tage in Terezin und sahen dort die Staetten und die neuen Ausstellungen. Der Reisefuehrer wird nun anfangs 1999 erscheinen.

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UNSER  ARCHIV

Loeffel des Lebens

In den Konzentrationslagern war ein Loeffel eine Kostbarkeit: in Kaufering, ein Lager welches durch “Vernichtung durch Arbeit” beruechtigt war, erhielt Dr. Avraham (Dolfa) Benes von seinem Freund Dr. Hanus Kafka ein Geschenk: nicht einen gewoehnlichen Loeffel, sondern einen auf welchem die Initialen A B und das Datum 19.1.1945 eingraviert waren. Jetzt hat Dolfa Benes diesen Loeffel unserer Sammlung gegeben.
Ferner gab uns Dr. Benes - einer der Gruender von Beit Terezin - eine Kopie seiner Zeugenaussage in “Yad Vashem” von 1996. Dies ist seine Biographie, von der “Blau-Weiss” Bewegung und der zionistischen Organisation in Brno, ueber das Palaestinaamt in Prag, Ghetto Theresienstadt bis zur Deportation nach Birkenau. Dr. Leo Baeck gab ihm noch seinen besonderen Segen. Im Rueckblick findet darin Dr. Benes eine Bestaetigung dafuer, dass Rabbiner Baeck wusste, was den Haeftlingen bevorstand. Dolfa gelang es dadurch sein Leben zu retten, dass er in Theresienstadt keine wichtige Position auf sich nahm, sondern als Bauarbeiter arbeitete und als im Oktober 1944  der Transport nach Osten abging, war er nicht im Waggon der Prominenten - diese kamen gleich nach Ankunft in die Gaskammern. Er war mit Dr. Hanus Kafka in einem der anderen, vollgepfropften Viehwaggons.
 
Das Wirken von Dov Barnea

Nach dem Tod von Dov Barnea (Honza Bramer) am 2.Juli 1998 in Omer bei Beer Sheba erhielten wir die Niederschrift eines Interviews mit ihm, welches 1976 stattfand. Es behandelt sein Wirken als Gruppenleiter und Mitglied der Fuehrung der tschechisch-juedischen Jugendbewegung “El-Al”, sowie auch als Leiter des Jugendarbeitseinsatzes im Ghetto Theresienstadt. Dov, geboren 1916, erzaehlt dass er im Ghetto versuchte fuer die Jugendlichen Arbeitsplaetze zu finden, an welchen sie einen Beruf lernen koennten oder wo sie zu mehr Lebensmitteln kommen konnten (Landwirtschaft, Baeckerei usw.). Er war danach Erzieher im Kinderblock des Birkenauer Familienlagers. Nach seiner Alijah nach Israel 1949 setzte Dov fort, was er als seine Berufung sah - Erziehung. Viele Jahre hindurch war er Leiter der Erziehungsabteilung der Stadtverwaltung Beer Sheba und auch Berater des Erziehungsnetzes der Beduinen im Negev. Dov, seit seiner Jugend begeisterter Fotograf, dessen Aufnahmen immer wieder in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt wurden und viele Preise erhielten, hat auch fuer Beit Theresienstadt Jahre hindurch vieles geleistet.

Graffiti aus Terezin

Alisa Scheck, die Kuratorin unserer Kunstsammlung und Witwe eines der Initiatoren der Gruendung von Beit Terezin Zeev Scheck, hat im Laufe der Jahre unserer Sammlung viele wertvolle Gegenstaende gewidmet. 20 Jahre nachdem Zeev im Alter von 59 Jahren im Oktober 1978 als Israels Botschafter in Rom starb, erhielten wir von Alisa ein besonderes Dokument: Reime, die auf den Waenden der Latrinen in den Kasernen und Kinderheimen des Ghettos Terezin standen, wie sie Zeev waehrend seiner Inhaftierung im Ghetto (Juli 1943 - Oktober 1944) notierte. Es eruebrigt sich zu bemerken, dass die meisten solchen “Werke” zwar humorvoll sind, aber sich  haeufig mit den Geschlechtsorganen und Ausscheidungen befassen und dies in besonders vulgaerer Sprache. Unter den “feineren”: “Wer Ordnung haelt im Leben, scheisst ins Loch und nicht daneben”. “Nach dem Krieg gehn alle Z (Zionisten) nach P (Palaestina) und alle Trotteln in den Arsch - und das ist das Gleiche”.

Lebenszeichen

Der Straftransport AAh (nach dem Mord an Heydrich), der am 20.Juni 1942 mit tausend Personen Prag verliess, ging direkt nach Polen - nur ein Mann ueberlebte, der unterwegs aus dem Waggon sprang.  Frank (Franta) Weiss und seine Tochter Jane Silverstone aus Sidney sandten unserem Archiv die Kopie eines illegalen Briefes, geschrieben von Franks erster Frau Vera Weiss geb. Kronberger am 6.Juli 1942 aus Sobibor. Sie war mit AAh hingekommen, trotzdem ihr Mann von Anfang an in Ghetto Theresienstadt war. Im Brief an ihre Eltern in Sobeslav, Tschechien, erzaehlt Vera dass die Fahrt im Viehwaggon sehr schwer war und 80 Stunden dauerte. “Ich habe mich sofort freiwillig zur Arbeit gemeldet und das war richtig”, schrieb Vera und raet den Eltern, das Gleiche zu tun, wenn Gott behuete die Reihe an sie kaeme. Von ihrem Gepaeck blieb ihr nur ein Schlafsack und eine Tasche mit Lebensmitteln und was sie am Koerper hatte. Sie arbeitet bei der Ausgrabung von Drainagekanaelen und gehoert zu den Gluecklichen, die in einem Bett schlafen. “Ich habe genug zu essen, vor Allem vom Mitgebrachten... sorgt Euch nicht um mich”.Das war das letzte Lebenszeichen von ihr.

Widerstand in Theresienstadt

Der Elektronikingenieur Frank (Franta) Weiss, nun 83jaehrig, arbeitete im Ghetto bei der Reparatur und Instandhaltung von Verbrennungsmotoren und baute in seiner Werkstatt im Geheimen einen Radioempfaenger, mit welchem er die Sendungen der BBC aus London hoerte. Aus Sicherheitsgruenden gab er diese nur an Wenige weiter, hauptsaechlich an seine Freunde vom “Makkabi” Brno - doch haeufig gelangten sie als Geruechte zu ihm zurueck. Unter Anderem hoerte er am 20.Juni 1944 eine Sendung der BBC ueber die bevorstehende Toetung in den Gaskammern von 3000 Haeftlingen des Birkenauer Familienlagers und ueber den Mord von 4000 vormals theresienstaedter Haeftlingen, die im September 1943 nach Birkenau verschickt wurden.
In den Memoiren von Frank Weiss ist auch ein Kapitel betitelt “pruser” (vulgaeres tschechisch: Reinfall): 1944 entschlossen sich die Mitglieder der kleinen Widerstandszelle, fuer den Fall eines Versuches, bei Kriegsende das Ghetto zu liquidieren, sich wenigstens mit  Schlagringen zu wehren. Weiss hatte die Aufgabe sie zu beschaffen. Er fand in einem der Magazine eine Stahlplatte und bat Herrn Langsfeld, der den einzigen Sauerstoff-Schweissapparat des Ghetto betaetigte, die Platte auf 20 Rechtecke zu zerschneiden. Ungluecklicherweise fand ein Ghettopolizist einen Schlagring bei einem anderen Haeftling, uebergab ihn seinem Vorgesetzten Karl Loewenstein (der verdaechtigt wurde, mit der SS zu kollaborieren) und dieser berichtete der SS Kommandantur darueber. Es begann eine fieberhafte Suche nach Widerstandszellen im Ghetto und alle mit dem Schlagring-Projekt verbundenen Haeftlinge begannen zu zittern, denn die Todesstrafe waere ihnen gewiss. Sie hatten Glueck: die SS verlangte, ihr mitzuteilen, wer eine 10 mm dicke Stahlplatte zerschnitten haette - und ihre war 12 mm. Im Herbst 1944 wurde Frank Weiss mit dem Grossteil der im Ghetto verbliebenen Maenner nach Auschwitz deportiert und dann nach Blechhammer.

Briefe

Rita Muenzer (Bejkovska), Tel Aviv, uebergab uns Kopien von vielen Briefen und Zetteln, die sie mit Mitgliedern der “Kadima”- Gruppe des “Makkabi Hazair” aus Pilsen waehrend ihrer Zeit im Ghetto Terezin 1942 - 1944 austauschte. Diese Freunde waren in verschiedenen Kasernen und Heimen untergebracht, die Meisten, wie alle die schon 14 Jahre alt waren, arbeiteten, manchmal waren sie im Krankenhaus, manchmal war Ausgehverbot - die Briefe waren das einzige Mittel, den Kontakt zu erhalten. Aus den deutsch und tschechisch geschriebenen Briefen spuert man die Sorge um die Eltern, einen kritischen Blick auf das Geschehen im Ghetto (“...die Menschen hier sind auf sich und nur auf sich bedacht”), Glaube an den Zionismus. Da gibt es eine Beschreibung von Turnstunden mit Fredy Hirsch, Gespraeche mit Erziehern und - wie denn sonst - Andeutungen von Jugendlieben.

Schlechte Nachricht

“In diesem Brief muss ich Dir eine schreckliche Nachricht mitteilen” schrieb Arje Amit, Soldat in der Juedischen Brigade, im Oktober 1945 aus Holland an Schmuel Freund im Kibbuz Kfar Ruppin, “Dein Vater und Deine Schwester wurden am 2.Maerz 1944 in die Auschwitzer Gaskammern gebracht, Deine Mutter starb in Theresienstadt an Typhus”. Der Schreiber war sich bewusst, wie schwer es ist so eine Nachricht mit einem Schlag zu erhalten, doch dachte er, dass es besser sei die Wahrheit zu erfahren, als falsche Hoffnungen zu hegen. Wir erhielten den Brief von der Tochter Schmuel Freunds Chana Gavish aus Gilon.

Ein Schicksal von vielen

Die Mittelschuelerin  Mor Efraim aus Kibbuz Givat Chajim-Meuchad  an der Shachar-Schule in Ein Hachoresh widmete ihre Geschichts-Abschlussarbeit der Biographie einer Holocaust-Ueberlebenden: Michal Efrat (Eva Slachet), Mitglied in ihrem Kibbuz. In der Arbeit, die sie “Es begleitet mich noch immer...” nennt verbindet Mor geschichtliche Tatsachen mit Fragmenten aus Michals Erinnerungen von Ghetto Terezin, Birkenau, Hamburg und Bergen Belsen, ihre Rueckkehr in die Heimatsstadt M. Ostrava und ihr Einleben in Israel. Die Illustratorin von Kinderbuechern Michal Efrat zeichnet sich in Mors Augen als starke und optimistische Frau mit ausgepraegtem Lebenswillen ab.

Geschichte einer juedischen Schule

Peter Erben aus Ashkalon gab unserem Archiv eine Kopie der “Chronik der Volksschule der juedischen Cultusgemeinde in Maehrisch Ostrau” (heute Ostrava). Im Vorwort schrieb der Schuldirektor J. Kohn im Jahre 1899, in wie gestochener Kurrentschrift, dass die Schule 1863 gegruendet, 1884 offiziell vom Erziehungsministerium anerkannt wurde und nun 7 Klassen hat. Das Buechlein enthaelt ordentliche Jahresberichte beginnend mit dem Schuljahr 1899/1900 in Deutsch und beginnend 1936 in der Staatssprache - Tschechisch. Es endet 1938/1939, im Jahr des Muenchener Abkommens und der Besetzung von Boehmen und Maehren. In diesem Jahr - so im Buechlein - sank die Zahl der Schueler von 187 bei Beginn des Schuljahres auf 151 zu  dessen Ende. Die Chronik endet mit einer Liste der Krankheiten, von denen die Schueler 1939 befallen wurden: Grippe, Angina, Masern, Keuchhusten und Mittelohrentzuendung. Einer der Lehrer starb - eines natuerlichen Todes.

Bomben auf Schwarzheide

Etwa 1000 Maenner im Arbeitsalter, die die Selektion im Birkenauer Familienlager ueberstanden hatten, kamen am 3.Juli 1944 im KZ Schwarzheide bei Dresden an. Sie wurden dort  fuer den Wiederaufbau der BRABAG - Ruhland Betriebe fuer synthetischen Brennstoff eingesetzt, die wiederholt von den Aliierten bombardiert wurden. Beim Angriff am 24.8.1944 wurden 814 Bomben auf die Fabrik abgeworfen, wobei 16 Haeftlinge getoetet und 56 verwundet wurden.
Im Staedtchen Kovarska (Schmiedeberg) in Nord-Tschechien ist ein Museum zum Andenken an das Luftgefecht zwischen amerikanischen und englischen Bombern, auf dem Wege nach Ruhland, mit deutschen Jaegern, welches am 11.September 1944 ueber dem Krusnohori (Erzgebirge) stattfand. Dabei wurden 12 “Fliegende Festungen” B-17 und 31 deutsche Messerschmidt Flugzeuge abgeschossen. Dieser Abschnitt stuetzt sich auf Material, das wir von Jakov Tsur erhielten, einer der Haeftlinge in Schwarzheide, von welchen bei Kriegsende weniger als ein Drittel lebten.

Die Verbindung mit Sidney

Das juedische Museum in Sidney, Australien, ist mit Beit Terezin in laufender Verbindung ueber Edith Sheldon, eine der “Maedeln” in L-410. Unser Archiv steuerte verschiedene Exponate ueber Ghetto Terezin einer Ausstellung bei, die anfangs 1999 eroeffnet wird. Als Gegenleistung erhielten wir von E. Sheldon unter Anderem Anweisungen der juedischen Gemeinde in Prag vom 22.9.1939 ueber die pflichtgemaesse Ausfuellung einer Registrierkarte fuer Juden, die am naechsten Tag abgegeben werden musste, die Dienstordnung fuer die Ghettowache vom 13.2.1942 und eine englische Uebersetzung von Aufsaetzen der Maedchen des Heimes L-410, Gedichten und Erklaerungen zum Ghettoplan.

Oper

“An Opera for Terezin”, ein Werk von Lilian Atlan, in einer Version die nach einer Auffuehrung im Rahmen des Festivals von Montpellier in Frankreich 1989 entstand, erhielten wir nun in englischer Uebersetzung von John Clifford und mit hebraeischer Uebersetzung von Emanuel Pinto. Die Oper ist den Kuenstlern Theresienstadts gewidmet und enthaelt Fragmente von Zeugenaussagen frueherer Ghettohaeftlinge (Lisa Gidron-Kummermann, Ota Kraus, Jehuda Bakon und viele andere), ferner Lieder und Musik aus dem Ghetto. Laut Atlans Anweisungen ist es eigentlich eine Zeremonie, bei welcher - an Tischen in einem grossen Saal - sowohl die Zeremonienmeister, die Schauspieler, die Musiker, die Saenger als auch das Publikum zusammensitzen. Das Happening ist bestimmt eine ganze Nacht zu dauern.

Bonn, Theresienstadt, Bonn

In Folge eines Besuches in Beit Terezin sandte uns die Historikerin Astrid Mehmel von der Bonner Uni die Memoiren von Dora Philippson, der Tochter des Geographen Richard Philippson, der Dank der Einmischung seines schwedischen Kollegen Sven Hedin im Ghetto als “Prominenter” anerkannt wurde und so zusammen mit seiner Frau und Tochter die Befreiung erlebte. Dora Philippson, geboren und gestorben in Bonn (1886 - 1980), war im Ghetto Stellvertreterin des Hausaeltesten von Q-704. Im Gegensatz zu Memoiren von anderen aus Deutschland stammenden Haeftlingen lobt sie nicht nur den Hausaeltesten Otto Bernstein aus Jihlava (Iglau) sondern auch andere tschechische Ghettohaeftlinge fuer ihr Verhalten und ihre pflichtbewusste Arbeit. Dora Phillipsons Memoiren, welche die Leiden des Lebens und des Todes der Greise aus Deutschland im Ghetto realistisch beschreiben, wurden sofort nach der Befreiung niedergeschrieben. Damals mussten die Bonner im Ghetto 3 Monate warten, bis eine von ihnen, die sich freiwillig zur Arbeit in der Waescherei gemeldet hatte, von der Kommandantur der Roten Armee freigegeben wurde - und dann erst kam der Autobus der Bonner Stadtverwaltung, um sie in ihre Heimatsstadt zurueckzubringen.

Gruss vom Vater

Kopien von Postkarten, geschrieben 1943 im Ghetto von Jakob Daniel an seinen Sohn Rudi, der eine nichtjuedische Frau hatte und deshalb nicht ins Ghetto musste, erhielten wir von seinem Enkel aus Aachen ueber Shimon Weissbecker, Haifa. Jakob Daniel bestaetigt den Erhalt von Paketen und schreibt, dass er im Gesundheitswesen arbeitet (wahrscheinlich hatte er auf die Sauberkeit und die Warteschlangen bei den Wasserhaehnen und Latrinen aufzupassen). Kurz nachdem er seinen Lieben froehliche Weihnachten gewuenscht hatte, starb Jakob Daniel am 19.Dezember 1943.

Die Illusion eines Altersheimes

Bern Brent aus Farrer, Australien, sandte uns die Memoiren seines Vaters Otto Bernstein (geb.1873), der die Bemuehungen der Alten in seinem Wohnort Berlin, nach Theresienstadt zu gelangen,  beschreibt. Dieses wurde ihnen als Alten-Kolonie dargestellt, mit guter Pflege und anstaendigen Lebensbedingungen. Bernstein kam nach Theresienstadt dank seiner Aktivitaet fuer eine deutsche Hilfsorganisation in Moskau waehrend des ersten Weltkrieges (“damals waren wir noch Patrioten”), jedoch die Wirklichkeit war anders. Trotzdem er als Hausaeltester etwas bessere Bedingungen hatte und auch Pakete mit Sardinen aus Portugal erhielt, war er sich des seelischen und koerperlichen Leidens der Alten aus dem Reich bewusst, er sah sie im Muell nach Essensresten suchen und war Zeuge der herzzerreissenden Abschiedsszenen bei der Abfahrt von Transporten.

ERINNERUNGEN,  FORSCHUNGSARBEITEN,  PUBLIKATIONEN

Ein Gerechter in Sodom

Der Rucksack von Heda Kaufmanova, Mitglied der tschechischen Widerstandbewegung PVVZ (Peticny Vybor Verni Zustaneme), war schon gepackt zum Transport ins Ghetto Theresienstadt, als sie sich im letzten Moment entschloss, nicht anzutreten. In ihren spannenden Memoiren “Die Jahre 1938 - 1945” mit deren Niederschrift sie 1947 begann beschreibt Heda, die frueher am Institut fuer oeffentliche Gesundheit in Prag arbeitete, die nervenzerruettenden Aktivitaeten in der Widerstandsbewegung und die mannigfaltige Hilfe, die sie von tschechischen Mitgliedern des Untergrundes erhielt, fuer welche dies oft lebensgefaehrlich war. Im Besonderen erwaehnt sie Hana und Eva Malkova, Mutter und Tochter, in deren Wohnung sie zusammen mit ihrer Schwaegerin 22 Monate lang bis zur Befreiung versteckt war.
Unter Anderem erzaehlt Heda Kaufmanova, was Bekannten ihrer Freundin geschah: aus einem ploetzlichen Impuls legten sie in ihre fuer den Transport gepackten Koffer Visitkarten mit ihrer Prager Adresse. Nach einiger Zeit erhielten ihre Verwandten, die dort wohnten ein grosses Paket aus dem Deutschen Reich. Sie fanden darin den Koffer ihrer nach dem Osten deportierten Verwandten und einen Brief: “Sehr geehrte... ich erhielt von der “Winterhilfe” diesen Koffer mit den Schluesseln. Als ich dann darin die Visitenkarte fand, packte ich alles wieder ein, um es dem rechtmaessigen Besitzer zukommen zu lassen. Ich will an Raub nicht teilnehmen. Entschuldigen Sie, dass ich diesen Brief nicht unterschreibe”.

Ein anderes Theresienstadt

Ueber das Kulturleben in Ghetto Terezin ist viel bekannt, doch die technischen Leistungen, die notwendig waren, um eine Stadt, die fuer 7000 Einwohner und Soldaten gebaut war, fuer das Vielfache auszubauen - Wasserversorgung, Kanalisation usw. - wurden wenig erwaehnt. Hans H. Sladky, Hamburg, geb. 1921, schrieb anfangs 1998 “Episoden aus dem Leben eines Ueberlebenden”, publiziert in der Sammlung “Terezinske studie a dokumenty”, wir erhielten eine Kopie des deutschen Originals. Er ueberlebte im Ghetto bis zur Befreiung dank dem, dass er 1938 - als in der deutschen Schule in Prag in welcher er lernte, die juedischen Schueler in der hintersten Schulbank sitzen mussten - es vorzog, bei einem Installateur in die Lehre zu gehen. Ing. Jirka Vogel, stiller Teilhaber in einer Installationsfirma, in der dann Honza schon als Geselle arbeitete, wurde von Anfang an im Ghetto Terezin zum Verantwortlichen der Wasserversorgung und Kanalisation ernannt und nahm Honza mit. Die Arbeit im Ghetto verlangte staendige Improvisationen: im schweren Winter 1942 froren die Latrinen ein und die Verbindungen zu den unterirdischen Kanaelen wurden so verstopft - waehrend Tausende der Ghettohaeftlinge an Durchfall litten. Die Loesung, die gefunden wurde: in den Kanaelen, unter den Oeffnungen, wurden mit Blechdeckeln bedeckte Koerbe mit glimmender Kohle gestellt, die das Einfrieren verhinderten. In einem Falle wurde Honza ganz dringend herbeigerufen - einem der Alten fiel das falsche Gebiss in die Latrine, ohne welches er nicht einmal das wenige Essen zu sich nehmen konnte. Honza, in den besonderen Arbeitskleidern der Kanalisationsarbeiter, stieg in den Kanal hinunter, von oben zeigte man ihm mit einer Taschenlampe, wo das Gebiss lag und so konnte er es retten.
Honza Sladky hatte die Absicht seine Memoiren weiterzuschreiben, doch er starb an Komplikationen nach einem Eingriff am 17. November 1998 in Hamburg.

Sederabend im Ghetto

Klara Caro, Rabbinersgattin aus Koeln, war im Ghetto Theresienstadt bei Frauen taetig und organisierte Treffen und Vortraege fuer fruehere WIZO Mitglieder. 1946 schrieb sie ihre Erinnerungen an “einen unvergesslichen Sederabend” nieder. 3000 Ghettoinsassen, die vor dem Pessahfest 1943 erklaerten, dass sie kein Chamez (ungesaeuertes) essen wuerden, erhielten fuer jeden Tag 3 Matzot und das bedeutete noch viel groesseren Hunger als sonst. Zur Sederzeremonie, die ihr Mann leitete, draengten sich in einen kleinen Raum 25 Personen, auf der Sederschuessel war nur eine einzige Mohrruebe, etwas ungeniessbares Gruenzeug und Salzwasser. Ploetzlich erlosch das Licht (was im Ghetto haeufig geschah), doch die Zeremonie wurde nicht unterbrochen. Rabbi Caro konnte den Wortlaut der Haggada auswendig, ein Prager Kantor sang hebraeische und jiddische Gebetshymnen und so, wie seinerzeit die Weisen in Bne Brak, sassen sie bis zum Morgen. Klara Caro schrieb Memoiren unter dem Titel “Staerker als das Schwert”, welche sie den Opfern von Ghetto Theresienstadt widmete. Die Erinnerung an die Sedernacht erhielten wir von Chava Agmon aus Zahala.
 
 

Vergessene Malerin

“Ein Name den niemand kennt - die Kunstsammlerin, Plastikerin und Malerin Amalie Seckbach” heisst ein Artikel von Gabriele Reber aus Usingen. Amalie S. wurde als 72jaehrige im September 1942 ins Ghetto Theresienstadt gebracht und starb dort 2 Jahre spaeter. Sie stammte aus Frankfurt und war die Besitzerin einer der wichtigsten Sammlungen der Welt von chinesischen Holzschnitten vom 17ten bis zum 19ten Jahrhundert. Erst in hoeherem Alter, nach dem Tod ihres Mannes, wurde sie selbst Malerin und Bildhauerin. Ihre Arbeiten wurden in verschiedenen Staedten Deutschlands, in Florenz, Madrid und Bruessel ausgestellt. Amalia Seckbach malte auch im Ghetto weiter, vor Allem Frauenportraits, aus denen das Leiden spricht. Ihre Sammlung, die in einem Frankfurter Keller versteckt war, wurde ausgebombt, die Mehrzahl ihrer Arbeiten gingen verloren, ihr Name ist in Deutschland vergessen. Beit Terezin besitzt 8 von ihr gemalte Bilder, welche sie Trude Groag geschenkt hatte, die sie als Krankenschwester im Ghetto betreute. (Trude Groag selbst war Dichterin und Kuenstlerin)

Mit den letzten Kraeften

Pavel Uri Bass, der viele Jahre lang Vorsitzender unserer Vereinigung war, fuehlt nun als Siebziger, das die Zeit zur Niederschrift seiner Memoiren gekommen ist, hauptsaechlich fuer seine Familie. Er war der aelteste Sohn eines vermoegenden Textilhaendlers in Brno (Bruenn), der mit der Nazi-Okkupation um sein ganzes Vermoegen kam. Die Familie wurde mit einem der ersten Transporte in das eben errichtete Ghetto Terezin deportiert. Als frueherer Offizier der tschechoslowakischen Armee war der Vater bei der Ghettowache und wohnte in einer ihm zugewiesenen Kammer in der “Magdeburger” Kaserne. Der damals 14jaehrige Pavel meldete sich aus eigener Initiative zu einer Gruppe von Schreinern, die damals dort arbeiteten und blieb bei dieser Arbeit fast die ganzen 3 Jahre im Ghetto. Infolge seiner Beschaeftigung gelang es dem Vater, seine Familie bis zum Herbst 1944 im Ghetto zu schuetzen, doch Uri wurde dann, 16jaehrig, alleine nach Auschwitz verschickt. Einer der “alten” Haeftlinge rettete ihm auf der Eisenbahnrampe  das Leben, als er ihm (auf jiddisch) zufluesterte, sich bei der Selektion als 18jaehrig und Handwerker auszugeben. Die Memoiren beschreiben die schweren Erlebnisse die Pavel in Auschwitz, Monowitz und beim Todesmarsch hatte und wie er es schaffte, mit den letzten Kraeften zu ueberleben.

Hollaendische Juden in Theresienstadt

Im Jahrbuch 1998 des Staatlichen Institutes fuer die Dokumentation des Krieges 1940 - 1945 in Amsterdam ist unter anderen ein ausfuehrlicher Artikel von Ab Caransa, betitelt “Theresienstadt, Schizophrenie in Stein”. Ab wurde, 16jaehrig, mit seiner Familie im April 1944 aus dem Konzentrationslager der hollaendischen Juden Westerbork nach Theresienstadt gebracht. Im Herbst 1944 wurde er mit seinem Vater weiter nach Birkenau deportiert. Ab Caransa recherchiert schon jahrelang das Schicksal der 4800 Juden Hollands, die nach Theresienstadt gelangten und auch die Geschichte des Ghettos selbst.

Jazzmusik

“Report”, die Publikation der in Entstehung befindlichen Holocaust-Ausstellung des “Imperial War Museum” in London publizierte im Sommer 1998 die Geschichte der 2 hollaendisch-juedischen Jazzmusiker Johnny + Jones, mit ihren echten Namen Simon van Wezel und Max Kannewasser. In Holland waren sie vor dem Krieg ausserordentlich populaer und traten auch noch zur Zeit der deutschen Besetzung auf, seit 1942 nur vor juedischem Publikum. Der Befehlshaber des Lagers Westerbork, wo die Juden Hollands vor der Deportation nach Osten konzentriert wurden, gestattete ihnen sogar, nach Amsterdam zu fahren, um dort im Lager verfasste Musik auf Schallplatten aufzunehmen - darunter auch eine Serenade fuer Westerbork. Im September 1944 wurden sie nach Theresienstadt und von dort weiter nach Auschwitz deportiert. Sie fanden ihren Tod in Bergen Belsen, Johnny im Maerz 1945, Jones am 15. April - am Tag, an dem das Lager von der britischen Armee befreit wurde.

Gedenken durch Forschung

“Terezinske listy”, die Publikation des “Pamatnik Terezin”, veroeffentlichte in seiner Nummer 26/98 einen Artikel von Ludmila Chladkova ueber die Geschichte eines Hauses, L-415, im Ghetto Terezin, an Hand eines Tagebuches von Margarete Pedde aus Duesseldorf. Diese war die Stellvertreterin der Hausaeltesten und danach selbst Hausaelteste und fuehrte eine genaue Evidenz der Hausinsassen - meistens Alte aus dem Reich, von denen zwei Drittel im Ghetto starben. Nur 32 von den 449 gefuehrten blieben am Leben.
Vojtech Blodig schreibt die Geschichte der “Magdeburger” Kaserne, die 1780 fuer die kaiserlichen Dragoner erbaut wurde, zur Zeit des Ghettos die juedische Selbstverwaltung beherbergte und nun ein Teil des Ghettomuseums wurde (siehe separaten Artikel).
Anna Hyndrakova bringt einen Auszug von 9 Tagebuechern, die von Ghettohaeftlingen gefuehrt wurden und nur deshalb existieren, weil ihre Autoren ueberlebten. (Die in Transporten nach Osten verschickten nahmen meistens das ihnen wertvolle Tagebuch mit, welches gleich ihnen vernichtet wurde). In Zitaten ueber Themen die allen Tagebuechern gemeinsam sind - Gedraenge, Insekten, Wassermangel, Schlangestehen, Hunger, Schwarzhandel, Krankheiten, Furcht vor Transporten und auch immer wieder Hoffnung - spiegelt sich das Leben der Ghetto-Haeftlinge.
Ilona Smekalova bringt in ihrer Arbeit eine Namensliste von 150 Kindern die im Ghetto starben (im Gegensatz zum Grossteil, der in Vernichtungslagern umkam), davon 37 in Theresienstadt geborene Saeuglinge.
Ferner ist da ein Vortrag von Vera Hajkova ueber Babies, Kleinkinder und deren Betreuerinnen, welchen sie beim Historikertreffen in Terezin 1996 hielt. Die Veroeffentlichung des Vortrages wurde die Ursache emotioneller Zusammentreffen von Waisen, die nichts von ihrer Vergangenheit im Ghetto wussten und auch nichts von denen, die sich um sie kuemmerten.

Gewinne des Ghettos

Das “Center for Advanced Holocaust Studies” beim “United States Holocaust Memorial Museum” in Washington finanziert jedes Jahr eine unabhaengige Forschungsarbeit in verschiedenen Bereichen des Holocaust, organisiert danach Vortraege und publiziert sie. Im Rahmen des alljaehrlichen  J.B. and Maurice C. Shapiro Vortrages sprach Peter B. Hayes ueber “Profite und Verfolgung - deutsche Grossfirmen und der Holocaust”. Er detaillierte die Verbindung zwischen den grossen deutschen Industriekonzernen und dem Holocaust. Laut Hayes machte die “Deutsche Bank”, damals und auch heute das groesste Finanzinstitut Deutschlands, zur Zeit des Protektorats einen nicht unbedeutenden Profit von Anleihen an das Ghetto Theresienstadt und von Geldern, die das Ghetto bei der Bank hinterlegte. Hayes ist der Ansicht, dass grosse Betriebe wie I.G.Farben, BRABAG und viele andere nicht aus Ideologie oder Hass mit der Vernichtungsmaschine zusammenarbeiteten, sondern aus Gewinnsucht.
 
 

In Wort und Farbe

“Der Mensch ist keine Nummer” heisst eine Broschuere mit ausgewaehlten Zeichnungen und Aufsaetzen aus einem Schuelerwettbewerb in tschechischen Schulen, welche im Herbst 1998 von “Pamatnik Terezin” in tschechisch, deutsch und englisch herausgegeben wurde. Die Initiative des alljaehrlichen Wettbewerbes ueber Holocaust Themen stammt von Hanna Greenfield (Hanka Lustig) aus Kolin, die als Maedchen 4 Jahre lang in Terezin, Auschwitz und anderen Konzentrationslagern war. Die ausgewaehlten Aufsaetze und Zeichnungen sind ueber Themen wie “Das Recht zu leben”, “Erinnerungen”, “Kleines Roma-Kind”, “Baum der Wuensche”. Die Teilnehmer sind im Alter von 14 - 18 Jahren.

Die Juden von Zamberk

Frantisek und Vlasta Pirko aus Zamberk in Ostboehmen machten 1997 eine Liste aller Namen vom juedischen Friedhof der Stadt und verfassten eine Beschreibung der 235 Grabsteine, deren aeltester aus dem Jahre 1731 stammt. Zur Zeit der Nazis und der Kommunisten verfiel der Friedhof  mehr und mehr, Marmor-Grabmaeler und Messingbuchstaben wurden gestohlen, der Friedhof wurde ein Durchgang zur nahegelegenen Autobusstation. 1994 wurde er aus Initiative der Buerger gereinigt und restauriert und zu einem Teil des Stadtmuseums gemacht. Das Paar Pirko machten auch eine Liste der Zamberker Juden aus dem Jahr 1666, deren Zahl staendig abnahm, bis sie nach dem Holocaust auf Null herabsank.
 
Alptraeume

In ihrer Arbeit “Traeume von 4 Holocaust-Ueberlebenden”, die im November 1998 im Rahmen der Fakultaet fuer Philosophie und Erziehung der Volksuniversitaet Tel Aviv von Keren Ben Jehuda eingereicht wurde, untersucht sie wie das Kindheitstrauma des Holocausts die Alptraeume der Ueberlebenden beeinflusste und beeinflusst. Unter den Interviewten ist auch “Uriel” (Pseudonym), geb. 1935, Sohn eines juedischen Vaters und einer christlichen Mutter, die zwar vor ihrer Hochzeit zum Judentum uebertrat, jedoch ihre Familie unter Druck der Gestapo verliess. Nach Arrest des kommunistischen Vaters in Prag (wohin sie aus den Sudeten entkamen), blieb der 9jaehrige “Uriel” allein, schlief in Parks und bei Kindern die er zufaellig kennen lernte, bis er schliesslich allein ins Ghetto Terezin und dort in ein Kinderheim gebracht wurde. Dort traf er seinen Vater, doch dieser wurde nach kurzer Zeit nach Auschwitz deportiert und “Uriel” blieb wieder sich selbst ueberlassen. Im Ghetto wurde er von einem SS-Mann beim Diebstahl von Fruechten aus dem Garten der Kommandantur ertappt und beim Versuch seinen Verfolgern zu entfliehen, brutal geschlagen und tagelang ohne Essen in eine Zelle gesperrt, in der er nur hocken konnte. In seinem immer wiederkehrenden Traum versucht er seinen Verfolgern zu entgehen, es gelingt ihm nicht, Hunde fallen ihn an und toeten ihn, doch er ist sich bewusst, dass er lebt und erwacht in Schweiss gebadet, in Panik. Laut Kerens Deutung, deren Mutter im Ghetto Terezin geboren wurde, sprechen aus dem Traum nicht nur “Uriels” Kindheitserlebnisse, sondern auch das unverarbeitete Verschwinden seiner Mutter, die er nie wiedertraf und von der er nichts mehr hoerte. Nach seiner Alijah nach Israel sah “Uriel” als wichtigstes Lebensziel die Gruendung einer Familie.

“Mein Kampf gegen die Endloesung”

heissen die Memoiren des Ueberlebenden von Auschwitz und Dachau Heinz Herrmann, der 1921 in Troppau geboren wurde. Sie erschienen 1994 in der Serie “Augenzeugen berichten” des Institutes fuer Geschichte der Juden in Oesterreich in St. Poelten. Wir erhielten sie nun von Peter Erben, Ashkalon. Heinz Herrmann gelangte schon im Oktober 1942 nach Auschwitz und ueberlebte in den “Buna”-Werken nahebei bis zur Evakuierung des Lagers - trotz einer Verletzung beim Abladen von Kohle, der Amputation eines Fingers und Phlegmone, hauptsaechlich auch dank der Hilfe seiner Kameraden.

THERESIENSTADT  IN  BUECHERN

Kindliche Naivitaet

“Tommy” heisst ein Album mit Bildern, die der Maler Bedrich Fritta im Ghetto Terezin seinem Sohn zum dritten Geburtstag am 22.Januar 1944 machte. Es erschien nun in hebraeischer Uebersetzung bei Yad Vashem, Jerusalem, mit Unterstuetzung des Fritta-Fondss. In den bezaubernden Zeichnungen beschreibt der stolze Vater die Streiche Tommys. Er erzaehlt auch durch eine Reihe von Bildern, welche Berufe Tommy einmal ausueben koennte: Detektiv oder Ringkaempfer oder Maler? Nur kein Geschaeftsmann! Fritta endet mit einem Versprechen an Tommy: “Das ist das erste Buch in einer langen Reihe von Buechern, die ich im Sinn habe fuer dich zu zeichnen.” Doch es kam anders. Tommys Eltern wurden im August 1944 (nachdem aus dem Ghetto geschmuggelte Bilder entdeckt wurden) verhaftet und ermordet.. Der kleine Tommy ueberlebte und wurde nach dem Krieg von Leo Haas und dessen Frau, welche auch zu der Gruppe der verhafteten Kuenstler gehoerten, adoptiert. Der nun erwachsene Tomas Fritta fuegte dem Buch ein Nachwort bei, das an die heutige Jugend gerichtet ist und erzaehlt, was seiner Familie geschehen war, mit der Hoffnung, dass sie solches nie erleben moegen.
Das Album ist im Beit Terezin erhaeltlich - der Preis: NIS 42.-.

Universitaet der Haeftlinge

“Forschung und Dokumente ueber Terezin” wird in Prag in Tschechisch und in Deutsch von der “Terezinska iniciativa” herausgegeben. In der tschechischen Ausgabe fuer 1998 gibt es eine Reihe interessanter wissenschaftlicher Abhandlungen. Karl Margry aus Utrecht schreibt ueber den Film, welcher ein Jahr vor dem beruechtigten Film “Der Fuehrer schenkt den Juden eine Stadt” im Ghetto gedreht wurde. Anita Tarsi beschreibt die Leiden der alten Frauen aus Deutschland - basierend auf Tagebuechern und Erinnerungen, welche sie niederschrieben. Miroslav Karny referiert ueber den Versuch, einige Juden im Protektorat als “Ehrenarier” zu deklarieren. Die deutschen Behoerden vereitelten diesen Versuch. Jaroslava Milotova behandelt die ersten Transporte aus Prag ins Ghetto Lodz im Oktober 1941 und Richard Seemann schreibt ueber die tschechischen Juden im Ghetto Lodz und ueber ihr Schicksal. Anita Frankova bringt den vollen Text der 9 Aufsaetze ueber Erziehung im Ghetto, die dort von Erziehern geschrieben wurden, nachdem das Jungenheim L-417 ein Jahr bestand. Unter ihnen: Fredy Hirsch, Ota Klein, Friedl Dicker-Brandeis, Hans Krasa und andere.
Jeder dieser Artikel wuerde eine detaillierte Beschreibung verdienen - doch wir waehlten den Artikel von Lena Makarova “Akademie des Ueberlebens”, welcher sich mit den im Ghetto gehaltenen Vortraegen ueber die verschiedensten Themen beschaeftigt: Judentum, Christentum, Zionismus, Philosophie, Geschichte, Kunst, Musik, Soziologie, Erziehung, Medizin, Rechtswissenschaft, Wirtschaft, Technologie und mehr. Es waren 2290 Vortraege - 516 Vortragende in der Zeit von September 1942 bis September 1944. Einer der Vortragenden ueber Judentum war Jakob Edelstein, der erste Judenaelteste des Ghettos (ueber die Judenfrage), Paul Epstein, der zweite Judenaelteste (ueber Demographie der Juden, moderne Soziologie), Rabbiner Leo Baeck und die einzige Rabbinerin im Ghetto Regina Jonas. In der Liste der uebrigen Vortragenden erscheinen die Namen bekannter Forscher und Wissenschaftler aus Mitteleuropa - Prof. Maximilian Adler ueber “Ideal des Stoizismus und wir” und ueber die Frage “War Philon von Alexandria ein Philosoph?” Professor Woskin-Nahartabi sprach ueber Leben und Werk Chajim Nachman Bialiks und den Romantizismus in der modernen  hebraeischen Literatur. Viktor Frankl (der nach dem Krieg durch sein Buch “(Man’s Search for Meaning” bekannt wurde) ueber “Erschoepfung und Mut in Theresienstadt” und ueber Psychotherapie. Schon die Menge der Themen und der gekuerzte Inhalt sind ein eindrucksvolles Zeugnis fuer den Geist des Menschen. Die Vortragenden taten es umsonst, die Zuhoerer standen gedraengt, im Winter in ungeheizten und im Sommer in stickigen Zimmern und mit halbleerem Magen.

Kindheit im Holocaust

“Dark Shadows, Bright Life” (“Dunkle Schatten, lichtes Leben”) heisst der zweite Gedichtband von Ruth Gabriele Silton, herausgegeben 1998 von Fithian Press, Santa Barbara, Kalifornien. In ihren Gedichten versucht Gaby Silton mit den Erinnerungen an die Vergangenheit fertig zu werden, die immer unter der Oberflaeche anwesend sind. Sie erzaehlt ueber diese Erinnerungen auch in Prosa in ihrem Buch “Between Two Worlds - Autobiography of a Child Survivor of the Holocaust” (“Zwischen zwei Welten - Autobiographie eines Kindes das den Holocaust ueberlebte”), das sie im Juli 1998 an Beit Terezin sandte. Sie beschreibt die Wirklichkeit im Holocaust, gesehen durch Kinderaugen. Gaby war erst 5 Jahre alt, als ihr Vater von Berlin nach Holland fluechtete und sie und ihre Mutter ihm dann folgten. Doch auch dort wurden sie von den Nazis eingeholt. Beide Grossmuetter und ein Grossvater nahmen sich das Leben, um dem Transport zu entgehen. Gaby lernte, dass man zu Hause die Wahrheit spricht, aber die deutschen Soldaten beluegen muss. Im Juni 1943 wurde Familie Silton nach Westerbork verschickt und von dort im Januar 1944 ins Ghetto Theresienstadt. Gaby erzaehlt, dass sie im Ghetto oft alleine war, waehrend ihre Eltern zur Arbeit gingen. Kinder, ueber 10 Jahre alt, mussten arbeiten (scheinbar bezieht sich das auf die Zeit nach den Transporten im Herbst 1944), sie war Laufmaedchen in einem Siechenhaus. Familie Silton hatte das Glueck unter den Wenigen zu sein, die bis zur Befreiung im Ghetto blieben, wahrscheinlich dank der Tatsache, dass Gabys Mutter beim Glimmerspalten arbeitete. Erst nach 50 Jahren fand Gabriela Silton, heute Professorin fuer Fremdsprachen in Pasadena, Kalifornien, die Kraft sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Schmerz der Sterne

Otto Weiss, geb. 1898 in Pardubice, Tschechien, verfasste zur Zeit der deutschen Besetzung Gedichte - welche er erst im Ghetto Terezin niederschrieb und fuegte ihnen weitere bei, aus denen immer wieder die enttaeuschten Hoffnungen sprachen und die Machtlosigkeit gegenueber dem Geschehen. Otto Weiss wurde im Oktober 1944 nach Birkenau gebracht und wahrscheinlich sofort getoetet. Seine Tochter, Helga Weissova-Hoskova, eine in Tschechien und auch im Ausland bekannte Kuenstlerin, die schon als Kind im Ghetto gezeichnet hatte, brachte nun einen Band mit den Gedichten ihres Vaters heraus und schrieb auch eine Einleitung. Das Buch "“So litten die Sterne"”(nach dem Titel eines der Gedichte) wurde 1998  von der “Terezinska iniciativa” herausgegeben. Die Gedichtsammlung, Helgas Zeichnungen und ihr Tagebuch wurden Josef Polak (einer der Verfasser des Buches “Stadt hinter Gittern”) uebergeben, bevor die Familie nach dem Osten verschickt wurde. J. Polak versteckte alles in einer Mauer in der “Magdeburger” Kaserne, wo es bis Kriegsende blieb.
 
 

Peter Kien’s Verdienst

“No Name, No Number - Story of a Holocaust Survivor” (“Kein Name, keine Nummer - Geschichte eines Ueberlebenden”) nannte Fred Klein aus Hollywood, Kalifornien, seine sehr klar und sachlich geschriebenen Memoiren, deren zweite Auflage 1997 im Selbstverlag herauskam. Der in Plzen (Pilsen) geborene Fred, Sohn einer wohlhabenden Familie, erzaehlt, dass sein Vater, der Dermatologe war, voll und ganz von der Ueberlegenheit der deutschen Kultur ueberzeugt war. Er war nicht imstande das Geschehen zur Zeit der Nazis zu begreifen und rechtzeitig zu entkommen, trotzdem er die notwendigen Mittel und Verbindungen besass. Dr. Klein war einer der Geiseln die als Vergeltungsmassnahme fuer den Mord an einem Deutschen verhaftet wurden. Er wurde nach Buchenwald deportiert und von dort zu seinem Tod nach Auschwitz.
Fred Klein studierte an einer privaten Kunstschule in Prag, an welcher der junge Maler Peter Kien unterrichtete. Diese Tatsache rettete Freds Leben: In Ghetto Terezin angekommen, wurde er von Kien in der technischen Abteilung beschaeftigt, wo er Statistiken usw. auf Verlangen der Deutschen anfertigte. So wurde er erst im Herbst 1944 nach Auschwitz und von dort ins Lager Friedland gebracht, wo er in einer Fabrik zur Erzeugung von Propellern und beim Bau einer unterirdischen Anlage arbeitete. Ein weiterer Umstand, dem Fred K. seine Rettung zuschreibt: in Auschwitz gab er einem polnischen Kapo auf dessen Verlangen  widerstandslos seine guten Stiefel und es gelang ihm 2 Brillen zu behalten, die fuer ihn lebenswichtig waren.

Nachlass H.G.Adlers

Jeremy Adler, der Sohn H.G.Adlers, des Verfassers von “Die verheimlichte Wahrheit”, welches die bisher umfassendste veroeffentlichte Arbeit ueber Ghetto Theresienstadt ist, ist der Redakteur einer Sammlung von Essays und Gedichten aus dem Nachlass seines Vaters, betitelt “Der Wahrheit verpflichtet” (Bleicher-Verlag, Gerlingen 1988). Wie sich herausstellt, war der gebuertige Prager H.G.Adler nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Autor, dessen Werk bisher nur teilweise publiziert wurde. In einem Artikel “Warum habe ich mein Buch Theresienstadt 1941 - 1945 geschrieben?” erzaehlt Adler, dass er sich noch im Ghetto zum Schreiben entschloss und dieser Entschluss wurde noch staerker, als er 1944 nach Auschwitz und von dort nach Buchenwald deportiert wurde - es wurde fuer ihn eine Kraftprobe. Das Buch enthaelt auch ein detailliertes Interview, welches der 75 Jaehrige 1986 gab, ein Essay “Das geistige Gesicht......”, “Gedanken zu einer Soziologie des Konzentrationslagers” und weitere, 3 Gedichtsserien aus den Lagern, darunter “Theresienstaedter Bilderbogen” und ein Nachwort von Jeremy Adler, welcher Professor fuer deutsche Literatur am Kings College in London ist.

LESERBRIEFE  ZU  UNSERER  NUMMER  VON  JULI  1998

Sie wussten von den Gaskammern

In unserer Juli-Nummer wandten wir uns im Namen des Holocaust-Historikers M. Karny aus Prag an unsere Leser, um zu erfahren, wer von ihnen schon im Ghetto Terezin ueber das Geschehen in Auschwitz und insbesondere ueber die Gaskammern wusste.
Lisa Laufer aus Haifa war Krankenschwester bei der juedischen Gemeinde in Prag, ihr Mann war Arzt. Beide kamen im Maerz 1943 nach Terezin. Gleich nach ihrer Ankunft erhielt sie von ihrem Cousin einen schmalen Zettel, geschrieben von ihrem Vater, der zusammen mit ihrer Mutter und Schwester im Dezember 1942 nach dem “Osten” deportiert wurden. Auf dem Zettel stand: Aussig, Dresden, die Namen zweier weiterer Stationen und zum Schluss Mislowitz - Auschwitz. Es fuhr immer die gleiche Waggongarnitur von Terezin nach Osten, die dann leer zurueckkam. Ihr Cousin hatte mit ihrem Vater besprochen, dass dieser eine Nachricht ueber das Ziel des Transportes in der Lampe eines bestimmten Waggons versteckt.
Als Lisa Laufer im August 1943 an Gelbsucht erkrankte und im Krankenhaus fuer ansteckende Krankheiten L-317 lag, welches von Dr. Salus geleitet wurde, war mit ihr im gleichen Zimmer eine Patientin, die 2 Tage vorher mit “Einzeltransport” aus Berlin gekommen war. Sie erzaehlte Lisa, dass in Auschwitz mit Gas vernichtet wuerde und dass die Alten und die Kinder direkt von der Eisenbahnrampe in die Gaskammern gebracht wuerden. Die Patientin wollte noch mehr erzaehlen, aber die erschuetterte Lisa war nicht imstande mehr zu hoeren. Nach diesem Gespraech bekam sie hohes Fieber und kam in ein anderes Zimmer. Sie erinnert sich nicht an den Namen jener Frau.
Sie redete mit ihrem Mann waehrend der ganzen Zeit im Ghetto niemals ueber dieses Gespraech, auch weil Lisa nicht glauben wollte, dass es wahr war. Erst im Oktober 1944, im Waggon nach Auschwitz, sagte ihr Mann: “Die Frau sprach die Wahrheit”. Auf ihre Frage, woher er das denn wuesste, sagte er, dass Dr. Salus diese Information vor Kurzem vom zweiten Judenaeltesten Dr. Epstein erfahren hatte (der nicht lange davor hingerichtet wurde).

Franta Kraus aus Prag bemerkt im Zusammenhang mit der Nachricht ueber das Video - Interview, welches mit ihm bei seinem Besuch in Beit Terezin aufgenommen wurde:
 1.  “Buchteln” wurden nicht in der Zentralkueche gebacken sondern in der “Weissbaeckerei”.
 2.  Die Liste der im Krankenblock im Birkenauer Familienlager arbeitenden, von Dr. Mengele im Maerz 1944 vor der Vernichtung des Septembertransports ausgenommenen, wurde nicht von Dr. Heller, sondern vom Wiener Arzt Dr. Hellmann durchgesehen.

BITTE  ZU  REAGIEREN

Catherina Mueller, Schweiz, wurde 1947 von einer Lausanner Familie adoptiert die ihr verbot Fragen ueber ihre Vergangenheit zu stellen. Doch ihr Wissensdurst zu erfahren, wer ihre biologischen Eltern waren, wann sie geboren wurde und woher sie stammte, wurden mit der Zeit immer staerker. In den letzten Jahren wiederholen sich bei ihr immer wieder Bilder von vollgedraengten Baracken, Erinnerungen an Hunger, Kaelte, Durst und Geschrei. Nachdem sie Ruth Kluegers Autobiographie las kam ihr vor, dass der Name Kinderheim L-414 in Theresienstadt ihr bekannt war. Nach dem Krieg war sie in einem Kinderheim und erinnert sich an Gebaeude und an einen Park - laut einem Bekannten von ihr war dies in Krakau. Als sie ohne jedwede Identifikation in der Schweiz ankam, bestimmte ein Arzt, dass sie ungefaehr 5 Jahre alt sei. Auf die Frage nach ihrem Namen antwortete sie “Kleine” und vielleicht wurde sie deshalb Catherina genannt. Alle, die Catherina Mueller helfen koennen, das Geheimnis ihrer Identitaet zu loesen, werden gebeten mit Beit Terezin Kontakt aufzunehmen - oder mit:
Anna Lorencova, Subrtova 6, 12000 Praha 2, Czech Republic, die sich dieser Sache annimmt.

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Edith Sheldon geb. Drucker aus Australien sucht Dida (Edit) Lederer, geb. am 23.12.1927, die mit ihr zusammen im Zimmer 15, Heim L-410, in Terezin war. Nach der Befreiung heiratete Dida Mirek Valenta, 1949 verweilte sie - auf dem Weg nach Costa Rica - in Paris. Wer etwas ueber sie weiss wird gebeten Kontakt aufzunehmen mit:
Edith Sheldon, 14 Alan Str., Roseville 2069, Australia, Tel.:  61-2-94176514, 61-2-98821068

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Ich benoetige jedwede Information ueber Holocaust-Opfer und/oder Ueberlebende mit dem Zunamen Joachim. Insbesondere interessieren mich Kinder dieses Namens die 1942 - 1945  geboren sind und in Konzentrations- oder Vernichtungslager gesandt wurden. Ferner interessieren mich Muetter von Opfern oder Ueberlebenden dieses Namens und Frauen dieses Namens, die in diesen Jahren schwanger waren. Ganz besonders (aber nicht ausschliesslich) interessiert mich ein Kind dessen voller Name Salo (oder Salomon) Reyen (oder Reyes) Joachim ist. Alle relevanten Informationen bitte an:
Dr. Josef G.R.Martinez, College of Education, University of New Mexico, Albuquerque, New Mexico 87131, USA, Phone : (505) 277-4980 work, (505) 243-5733 home,
e-mail: jomart@unm.edu
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Als Thema ihrer Abschlussarbeit an der Paedagogischen Universitaet in Ceske Budejovice waehlte Jitka Chmelikova das Leben der Juden in Cheb (Eger) im 19ten und 20sten Jahrhundert. Dazu bittet sie alle frueheren Einwohner der Stadt, auch die, die kurzzeitig nach dem Weltkrieg dort lebten und Mitglieder des “Hechalutz” die 1945 dort taetig waren, ueber ihr Leben dort zu erzaehlen. Adresse: Jitka Chmelikova, Jakubska 6, 35006 Cheb, Czech Republic,  e-mail: jitka.chmelikova@iol.cz
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Jack Koch aus Yardley, USA, sucht Leute, die seine Familie kannten, welche aus Wien ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurde: Sigmund Koch, der am 28.September 1944 nach Auschwitz verschickt wurde (laut Geruechten war er kurz vor der Befreiung noch am Leben), seine Frau Margarethe geb. Kaldeck, die am 4.Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert wurde, ihre Tochter Sylvia, 10 Jahre alt, die wahrscheinlich mit ihrer Mutter in die Gaskammer kam und Moritz Kaldeck, Margarethes Vater, General a.D., der am 17.Februar 1943 im Ghetto starb.  Informationen bitte an: Jack Koch, P.O.Box 428, Yardley, PA 19067, USA

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Frank Bright aus Ipswich, England, sucht solche die ihn in Terezin kannten - er hiess damals Frantisek Chanan Brichta. Er war 1938 aus Berlin nach Prag gekommen und lernte dort an der juedischen Schule in der Jachymova Gasse. Nach Aufloesung dieser Schule arbeitete er als Gaertnergehilfe am juedischen Friedhof in Olsany. Am 13.Juli 1943 wurde er nach Terezin verschickt und wohnte dort in L-418, zusammen mit den Bruedern Kling (die beide ueberlebten) und mit Jiri (Zunamen vergessen), der in der Zentraltischlerei arbeitete. Brichta arbeitete in der Schlosserei, machte Schluessel und Schloesser und half in der Schmiede. Am 12.Oktober 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert, dann von dort ins Lager Friedland, wo er bei der Erzeugung von Propellern beschaeftigt war.
Frank Bright sucht auch Leute, die Dr. Jiri (Georg) Glanzberg  kannten, der 1938 - 1942 an der Prager juedischen Schule Lehrer war. Glanzberg, 1939 etwa 26jaehrig, unterrichtete dort Religion, Hebraeisch und Deutsch, spielte Geige und organisierte Schachwettbewerbe. Nach Aufloesung der Schule arbeitete er bei der juedischen Gemeinde, im Juli 1943 wurde er nach Terezin deportiert, von dort im Mai 1944 nach Auschwitz, er ueberlebte nicht. Informationen bitte an: Frank Bright, 29 Warren Lane, Martlesham Heath, Ipswich, IP5 3SH, England

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Kobi Luria, der Autor des Kabarett-Programms “L’chajej hachajim” (siehe Besprechung auf Seite 1), bittet alle, die Informationen ueber Schwenk und seine Gruppe, Material, Texte und Textfragmente, Naeheres ueber die Schauspieler usw., sowie auch Material ueber Kabaretts von Leo Strauss, Kurt Geron und andere im Ghetto aufgefuehrte deutschsprachige Vorfuehrungen besitzen, sich dringend mit ihm zu verbinden: Kobi Luria, 4, Sirkin, Tel Aviv 63562, Israel,  Tel.: +972-3-6200627, +972-3-6293410, +972-52-533150 (Mobil)

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Beratung fuer unsere Mitglieder

Nachdem verschiedene Fonds errichtet wurden, die fuer Holocaust Ueberlebende bestimmt sind und auch viele Organisationen, die sich damit befassen hat nun unser Mitglied Chana Weingarten es auf sich genommen, Fragen unserer Mitglieder soweit wie moeglich zu beantworten oder die relevante Adresse ausfindig zu machen. Gleichzeitig werden alle unsere Mitglieder, die ueber solche Fonds und Hilfsunternehmen fuer Holocaust Ueberlebende informiert sind, gebeten Chana Weingarten zu unterrichten.
Kontakt: Telefon 03-6415185 am Montag von 9 bis 13 Uhr, schriftlich: an Beit Terezin

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Mitgliedsbeitrag

Liebe Mitglieder, die neuen Mitgliedsbeitraege fuer 1999 sind:

 Israel  Ausland
Einzelne NIS 100.- US$ 50.-
Paare NIS 150.- US$ 70.-
2. Generation - Einzelne NIS  60.-
2. Generation - Paare NIS  90.-

Wir moechten unterstreichen, dass die Hoehe der Mitgliedsbeitraege seit Jahren nicht geaendert wurde. Wir bitten, uns die Zahlung fuer 1999 so bald wie moeglich zukommen zu lassen, damit wir unsere weitere Arbeit reibungslos fortsetzen koennen. Dank im Voraus!
 
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